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Sonderkonstruktionen von Drehorgeln

Für einzelne Drehorgeln haben die Drehorgelbauer spezielle Sonderausstattungen entwickelt.

1.) Schaltbare Register

Bei größeren Drehorgeln findet man gelegentlich solch eine Einrichtung. Zwei Clavisspuren sind dafür notwendig. Mit der einen Spur wird ein Zusatzregister ein-, mit der zweiten Spur wieder ausgeschaltet. Ein Stift auf der Walze sorgt dafür, dass das Clavis angehoben und durch einen Stecher ein Ventil geöffnet wird. Dieses Ventil öffnet nun ein kleines Bälgchen, das seinerseits dafür sorgt, dass das Register in eine Richtung verschoben wird. Auf der zweiten Spur folgt dann die Rückschaltung des Registers. Dies kann während einer Walzenumdrehung mehrmals erfolgen. Die 20/24er Drehorgel der Fa. Paul Fleck Söhne besitzt eine Einrichtung, bei der ein Bass umgeschaltet werden kann.

2.) Zusätzliche Pfeifenregister im Orgelwagen

Liefert die Drehorgel über die Schöpfer reichlich Wind (Luft), ist es möglich, zusätzliche Register mit entsprechenden Pfeifen in dem Wagen, der die Orgel trägt, unauffällig zu platzieren. Unser Orgelfreund Edi Niederberger aus der Schweiz montierte zusätzliche Pfeifen in den Orgelwagen seiner 20/28 Drehorgel. Schließlich waren es 144 Pfeifen, die für einen vollen angenehmen Klang sorgen. Diese Orgel steht den großen Instrumenten in keinem Punkt nach. Bilder und Baubeschreibung findet man in unserem Heft "Der Leierkasten" Nr. 38 vom Dezember 2005, Seite 28-33.

Während Edi Niederberger die Pfeifen pneumatisch steuert, konstruierte Rudolf Bruns ein Orgerwerk mit drei Pfeifenregistern (8 Fuß Klarinette, Gedakt 8Fuß und Geigenpfeifen 4Fuß) im Drehorgelwagen, die jedoch elektrisch gesteuert werden. Für die 45er Trompetenorgel wurden die 42 Pfeifen auf den Pfeifenstock gesetzt und horizontal nach vorne ausgerichtet, ähnlich den spanischen Trompeten in den Kirchenorgeln. Die Registerschaltung ist mechanisch und wird im hinteren Bereich des Orgelwagens mit der Hand betätigt. Damit die einzelnen Pfeifen im Orgelwagen erklingen können, befinden sich in der Orgel an den Stechern kleine Drähte, die bei der Bewegung des Stechers ausgelöst werden und über eine elektrische Leitung die Magnetventile an den Pfeifen auslösen. Mit dieser Zusatzausrüstung und somit mit ca. 150 Pfeifen hat die Drehorgel eine sehr vollen und angenehmen Klang. Löst man nun den elektrischen Kontakt und zieht den Schlauch über den der Wind (Luft) zu den Pfeifen geleitet wird, kann man die Orgel auch im ursprünglichen Zustand spielen. Über diese Entwicklung wird in einer der nächsten Ausgabe „Der Leierkasten ausführlich berichtet“.

3.) Automatische Rückspulung

Bei Lochbandorgeln muss der Orgelspieler, wenn er sein Band durchgespielt hat, anschließend die 20 bis 40 Meter Papierband zurückspulen. Edgar Werner entwickelte eine automatische Rückspulvorrichtung. Ist ein Band teilweise oder vollständig durchgespielt, nimmt der Orgelspieler die Spule und die Leerspule heraus, legt diese in die daneben liegende Rückspulvorrichtung und kann gleich ein neues Band einlegen. Während des nun folgenden Spielens spult sich das vorhergehende Band automatisch zurück und wird bei der nächsten Aktion herausgenommen.

4.) Abstellautomatik

Die 26er Drehorgel der Firma Tiedemann hat eine sogenannte Abschaltautomatik. Am Ende des Lochbandes befindet sich auf einer weiteren Spur eine Lochreihe, die bei ihrem Durchlauf ein kleines Bälgchen mit Luft füllt, welches dadurch einen Mechanismus auslöst, der im Antrieb zwischen der Kurbel und der Aufspulrolle einen Stift auslöst, der dann den Papiertransport verhindert.

5.) Laut- und Leiseregelung

Für die Drehorgel mit 31 Tonstufen entwickelte Joseph Raffin einen kleinen Hebel, der sich während des Orgelns durch das Füllen des Magazinbalges nach oben richtet. Drückt man nun auf diesen Hebel, erhöht man den Druck auf den Balg und der Ton wird lauter. Hebt man diesen Hebel gering an, sinkt der Druck im Magazinbalg und der Ton wird leiser. Diese Veränderung der Lautstärke einer Drehorgel funktioniert nur in einem geringen Umfang. Bei zu großen Druckveränderungen kippt der Ton um. Mit einem leichten Bewegen dieses Hebels kann man ein Vibrato erzeugen. Übrigens erreichte Frati bereits vor über 100 Jahren ein Tremolo durch eine spezielle Registerschaltung: das sogenannte Wimmerregister.

6.) Transponiermechanismus - Tonskalenverschiebung

Der Orgelbauer Robert Hopp in Monteux, Frankreich, entwickelte für die Drehorgeln, die vollchromatisch sind, einen Transponiermechanismus, der alle Orgeltöne um eine kleine Terz (3 Tonstufen) heben oder senken kann. Da die Töne in einer bestimmten Tonart auf den Lochbändern notiert sind und nicht sicher ist, dass jeder Sänger in der vorgegebenen Tonhöhe singen kann, ohne seiner Stimme zu schaden, wurde diese Vorrichtung entwickelt. Zu solchen Drehorgeln kann nun der Sänger alle Lieder singen, die er will, und nicht nur den Teil des Repertoires, der zu seiner Stimme passt. Gebaut wurde diese Einrichtung für Instrumente mit 27 und 42 Tonstufen.

7.) Pauken und Trommeln

Wenn Pauken und Trommeln auch nicht typisch für die Drehorgeln sind, baute doch bereits G. Bacigalupo diese Vorrichtungen und montierte sie außerhalb des Instrumentes. Auf den Lochbändern wurden dazu zusätzliche Spuren gezeichnet und gestanzt. Der Antrieb erfolgte dann pneumatisch. In neuerer Zeit kann man diese Einrichtung gelegentlich bei computergesteuerten Instrumenten beobachten. Zur Bereicherung des Orgelklanges werden gelegentlich auch Glockenspiele (in den Instrumenten) und Xylophone (an die Drehorgel montiert) durch die Lochbänder der Drehorgeln mitgesteuert.

8.) Hybridorgel

Eine Drehorgel der Firma Axel Stüber kann mit wenigen Handgriffen während eines Auftritts innerhalb kürzester Zeit von der 20er auf die 31er Spulenbreite umgerüstet werden. Somit sind hier Rollen von zwei unterschiedlichen Systemen spielbar.

9.) Drehorgeln mit beweglichen Figuren

Mit dem Bau der Walzenorgeln vor über 100 Jahren suchte man Wege, um dieses Instrument auch optisch attraktiver zu gestalten und so baute Ignaz Bruder die sogenannten Figurenorgeln in denen sich verschiedene Figuren bewegten und jeweils eine kleine Szene im oberen Orgelteil darstellten. Einige dieser historischen Instrumente sind nun nach Waldkirch in die Orgelstiftung zurückgekehrt und können nach der Restaurierung dort bewundert werden. Die Bewegungen werden wie auch die Musik von einer Walze gesteuert. Später entwickelte man auch bei Lochbandorgeln kleine Figuren, die sich bewegen, dann aber über das Lochband gesteuert werden. Franz Oehrlein hat viel später verschiedene Figurenorgeln gebaut. In den letzten Jahren wurde von Hansjörg Leible, in 79400 Kandern eine sogenannte Märchenorgeln mit sehr originellen Figuren gebaut, die mit der Musik über eine Walze gesteuert werden.

10.) Drehorgeln mit einem Dirigenten

Der Dirigent ist eine Sonderform der beweglichen Figuren. Auf den großen Kirmesorgeln beobachtet man oft einen Dirigenten und auch die sogenannten Glockenschlägerinnen, die vor dem großen Orgelwerk mit einem Klöppel gegen eine Glocke schlagen. Auf den Kartonnoten werden die Signale mit der Musik gesteuert und dann über einen pneumatischen Impuls auf die Figuren übertragen. Auch für die kleinen Straßenorgeln, die mit einem Lochband ausgerüstet sind, wurden Dirigenten entwickelt, die an der Frontseite der Orgel den Takt angeben, wie z. B. auch bei der 31er Raffinorgel. Passend zur Musik wird auf den Musikbändern die Information für den Dirigenten notiert und so auch pneumatisch auf den Dirigenten übertragen. Entweder es handelt sich um eine separate Spur oder die Spur für den Bass wird genutzt um die Information an den beweglichen Teil des Dirigentenarmes zu leiten.