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Der Leierkastenmann mit seinem Leierkasten

Leierkastenmann ist die volkstümliche Bezeichnung für den Drehorgelspieler. Dieser Begriff wird auch in dem Lied von Willi Kollo in einem sehr bekannten Lied "Lieber Leierkastenmann fang noch mal von vorne an.."so benutzt. Mit diesem Lied hat der Komponist einer Berufsgruppe ein musikalisches Denkmal gesetzt. Waren es vor 100 Jahren fast ausschließlich Männer, die sich mit diesem Instrument das Geld für den Lebensuntehalt verdienten, übernahmen später in zunehmen dem Maße auch Frauen die Funktion der Unterhaltung als Leierkastenfrau. Heute gibt es gleichermaßen Leierkastenmänner und Leierkastenfrauen; wenn sich auch die Art der Auftritte stark verändert hat. In Berlin ist die Jubeljette alias Christa Hohnhäuser, Vizepräsidenten der Internationalen Drehorgelfreunde Berlin e. v.zur Zeit die bekannteste Drehorgelfrau und gleichzeitig die Organisatorin der Internationalen Drehorgelfeste in Berlin, die immer in der ersten Juliwoche stattfinden. Sie stellt während der Drehorgelfeste alle 120 Drehorgelspieler auf der Bühne neben der Gedächtniskirche mit deren Instrumenten vor. Hier kann der Besucher auf dem Breitscheidplatz die 120 Interpreten untereinander vergleichen und gleichzeitig die unterschiedliche Klangfarbe der einzelnen Instrumente anhören.

 

Verändert hat sich in der 200jährigen Geschichte nicht nur die Auftrittswart sondern auch die Kleidung. Betrachtet man die vielen Darstellungen, dann fällt auf, dass der Spieler, es waren fast ausschließlich Männer, immer eine schlichte Kleidung trug. In der Regel war es eine dunkle Arbeitskleidung oder eine dunkle Weste. Die Schiebermütze war ein wichtiges Utensil, das auf der Orgel zum Geldeinsammeln abgelegt wurde. Viele Drehorgelspieler stammten aus Italien und trugen eine braune Manchesterjacke, eine braune Manchesterhose und einen schwarzen Filzhut (Calabreser), der seitlich auf dem Kopf getragen wurde.

 

In den Wintermonaten, vor allem während der sehr einträglichen Weihnachtszeit, waren warme Wintermäntel, eine Joppe oder ein Cut häufig getragen.

 

Drehorgelspieler mit historischen Instrumenten bevorzugen heute die solide Kleidung der alten, oft sehr armen Drehorgelspieler. Die neue Generation von Orgelspielern wählt oft die Kleidung der 20er Jahre und sorgt für ein sehr gepflegtes Aussehen. So gibt es Drehorgelspieler mit Zylinder und Melone, und häufig wird von den Spielern ein Anzug oder Cut getragen. Mit etwas Glück kann man zu manchen Zeiten ausgemusterte Garderobe aus dem Fundus der Berliner Opernhäuser preisgünstig erwerben.

 

Es gibt aber auch Spieler, die im Clownskostüm, Pyjama, Nachthemd oder in anderen Kostümen auftreten und damit auffallen möchten. Das Echo auf diese Art von Kleidung ist sehr geteilt.

 

Wer Anregungen für seine Kleidung sucht, findet diese in unserem Videofilm über das 15. Drehorgelfest in Berlin-Neukölln, auf dem sehr viele Drehorgelspieler zu sehen sind. (siehe: Drehorgelfest Berlin). Mit der Zeit entwickelten sich einige Orgelspieler in Berlin zu Originalen. Durch den Auftritt in der Öffentlichkeit und damit dem wiederholten Erscheinen in der Tagespresse wurden sie zu Persönlichkeiten, die man gern im Stadtbild sah. Ich erinnere mich noch an Albert Köppen, den Spezialisten mit der Nasenpfeife. Als Fan für die Drehorgel durfte ich an der Drehorgel von Uschi Blomeier drehen, die mit ihrem Esel und Leierkasten durch die Stadt zog. Auch die Schornsteinfegerleierkastenmüllerin, die immer als orgelspielender Schornsteinfegerauftrat, erlaubte es mir, an ihrer alten Drehorgel zu drehen. In einem kleinen Büchlein mit dem Titel „Der Leierkasten ein Stück Berlin“ stellt der Autor Sigmund Czech in der Buchreihe „bibliotheca minilibris“ Band 17 einige Originale aus Berlin mit der Drehorgel vor. Hier stellt er die älteste Drehorgelspielerin der Welt vor: Sie reiste mit ihrer Orgel im 94. Lebensjahr nach Dänemark, im 95. in die Schweiz und führt bei den Drehorgelfesten in Berlin immer den jährlich stattfindenden Korso durch die Straßen von Berlin in der ersten Reihe an. Auch den Orgel-Ebi, der noch mit seiner Orgel durch Berlin zieht, findet man in diesem Büchlein. Über den Drehorgelspieler namens "Latschenpaule" wurde 2012 eine kleine Broschüre herausgegeben.